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Aus der Geschichte der Neuen Jüdischen Schule

Issachar Ryback: Schtetl (tanzende Chassiden)
Issachar Ryback: Schtetl (tanzende Chassiden)


St. Petersburg zu Beginn des 20. Jh.
St. Petersburg zu Beginn des 20. Jh.


Susman Kiselgof, bedeutender 
Sammler jüdischer Volksmusik
Susman Kiselgof, bedeutender Sammler jüdischer Volksmusik


Moisej Maimon: Titelblatt der Notenausgaben der 
Gesellschaft für jüdische Volksmusik, St. Petersburg 1913
Moisej Maimon: Titelblatt der Notenausgaben der Gesellschaft für jüdische Volksmusik, St. Petersburg 1913


Logo des Musikverlages
Logo des Musikverlages "Jibneh", Berlin 1922


Michail Gnesin, der letzte Vorsitzende 
der Gesellschaft für jüdische Musik in Moskau
Michail Gnesin, der letzte Vorsitzende der Gesellschaft für jüdische Musik in Moskau
Die Neue Jüdische Schule ist durchaus vergleichbar mit anderen nationalen Strömungen, die seit Mitte des 19.Jahrhunderts die europäische musikalische Landschaft prägten. Während sich die russische, tschechische, spanische oder norwegische Nationalmusik frei entfalten und im kulturellen Bewusstsein etablieren konnte, wurde die Entwicklung der jüdischen Schule aber durch die stalinistische und national-sozialistische Politik bereits nach drei Jahrzehnten gewaltsam abgebrochen.

Die Geschichte der Neuen Jüdischen Schule beginnt im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts. 1908 wurde in St.Petersburg eine Gesellschaft für jüdische Volksmusik gegründet - die erste jüdische Musikinstitution in Russland. Ihr schlossen sich so bedeutende Komponisten wie Joseph Achron, Michail Gnesin, Alexander Krejn, Moshe Milner, Solomon Rosowsky, Lazare Saminsky und andere an. Im Unterschied zu westeuropäischen jüdischen Komponisten verloren diese jungen Künstler noch nicht ihre Bindung an die jüdische Gemeinschaft. Die über fünf Millionen Juden in Russland (damals etwa die Hälfte der Weltjudenheit) lebten noch in althergebrachten Traditionen, die auch für die Musiker Nährboden und Inspirationsquelle blieben.

Die Tätigkeit der Gesellschaft konzentrierte sich zunächst auf die Sammlung, Bearbeitung, Publikation und Aufführung der jüdischen Folklore, daneben entstanden zunehmend auch Originalkompositionen, die im eigenen Verlag veröffentlicht wurden. Darüber hinaus wurden Konzerte, Vorträge und ethnologische Expeditionen organisiert.

1913 zählte die Gesellschaft bereits über 1000 Mitglieder; in sieben Städten wurden Filialen eröffnet. Für junge Komponisten (es waren etwa fünfundzwanzig) war sie eine Vereinigung von Gleichgesinnten, wo eine vertraute, aber auch diskussionsfreudige Atmosphäre herrschte.

Infolge des politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs in den Jahren 1918 bis 1921 mussten sowohl die Petersburger Gesellschaft als auch ihre Filialen in anderen Städten die Arbeit einstellen. Die meisten führenden Petersburger Mitglieder emigrierten in dieser Zeit, während die Moskauer geringere Verluste zu beklagen hatten. Dadurch verlagerte sich in den zwanziger Jahren das Zentrum jüdischer Musik von Petersburg nach Moskau. Hier in Moskau konnte die Gesellschaft wiederbelebt werden.

David Schor, der erste Vorsitzende der neu gegründeten Gesellschaft für jüdische Musik, betonte in einer Rede, dass im Gegensatz zu der bisherigen Gesellschaft für jüdische Volksmusik nun im Mittelpunkt Aufführungen, Ausgaben und Verbreitung jüdischer Kunstmusik stehen wird.

Es war von Anfang an klar, dass die Tätigkeit der neuen Gesellschaft nicht den selben Umfang erreichen konnte wie die ihrer Vorläuferin. Die Aktivitäten konzentrierten sich nun weitgehend auf Konzertveranstaltungen. Diese Konzerte hatten für die neue jüdische Musik eine entscheidende Bedeutung, da sie den Komponisten ein Podium boten, das sie ansonsten nicht gehabt hätten. Vor allem für junge Komponisten war das ein wichtiger Antrieb, sich der jüdischen Musik zu widmen. Hunderte von Werken (überwiegend im kammermusikalischen Bereich), die zum Teil extra für Konzerte der Gesellschaft komponiert wurden, entstanden auf diese Weise in den Jahren 1923-1929.

Die Konzertprogramme wurden von einer Musikkommission ausgearbeitet, zu der u.a. die Komponisten Michail Gnesin, die Brüder Grigori und Alexander Krein und Alexander Weprik gehörten.

Wie hoch das Niveau der Konzerte der Gesellschaft war, kann man schon nach den Namen der Interpreten beurteilen. Jüdische und russische Künstler ersten Ranges, wie die Pianistin Maria Judina oder die Mitglieder des berühmten Beethoven-Quartetts, blieben der Gesellschaft über die ganze Zeit ihres Bestehens eng verbunden.

Schon ab 1925 wurde die Gesellschaft wegen ihres Repertoires von Musikfunktionären angegriffen. Ernste Anzeichen einer Krise wurden Ende 1927 deutlich. Die Gesellschaft für jüdische Musik wurde nun immer mehr von Kommunisten gelenkt. Sie verlangten eine vollständige Neuorientierung, vor allem ein Repertoire, das "den Bedürfnissen der jüdischen Werktätigen" entsprechen sollte. Die Tage der meisten jüdischen Kultureinrichtungen waren aber schon sowieso gezählt - die letzte Veranstaltung der Gesellschaft datiert vom 22. Dezember 1929. Die jüdischen Künstler mussten sich der herrschenden Kulturdoktrin des Sozialistischen Realismus anpassen und ihr Judentum verleugnen.

Zu diesem Zeitpunkt war aber die Neue Jüdische Schule in ihrer Tätigkeit nicht mehr nur auf Russland beschränkt. Sie hatte beträchtliche Auswirkungen auch auf das internationale jüdische Musikleben. Gerade als ihre Aktivitäten in Russland schon nahezu zum Erliegen gekommen waren, breitete sich diese Musik in ganz Europa aus, wobei Wien das wichtigste Zentrum wurde. 1928 wurde dort ein Verein zur Förderung jüdischer Musik gegründet, in dem die Komponisten Israel Brandmann, Joachim Stutschewsky und Juliusz Wolfsohn eine herausragende Rolle spielten.

Während die Neue Jüdische Schule in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren Opfer der stalinistischen antisemitischen Kulturpolitik wurde, wurde ihre Entwicklung auch in anderen Ländern zunehmend vom Antisemitismus beeinträchtigt. Der endgültige Schlussstrich wurde durch die ns-Herrschaft in West- und Mitteleuropa gezogen, die zur Vertreibung und Ermordung jüdischer Musiker führte.


© 24.12.2008 by Jascha Nemtsov. e-mail: feedback@musica-judaica.com